Peter Anderegg © Text und Bild |
Mai 2023 / März 2022 ![]() ![]() Die Stromproduktions-Strategie des Bundesrates ist unter den heutigen Bedingungen nachvollziehbar. Wasserkraft soll das Rückgrat bleiben, Photovoltaik und Stromeffizienz weiter forciert werden sowie zur Überbrückung eines allfälligen Strommangels werden zwei, drei Gaskraftwerke mit gesamthaft rund 1000 MW Leistung (entspricht der Leistung des Kernkraftwerks Gösgen) geplant. Ja, die emittieren CO2 und verschlechtern die heutige, praktisch CO2-freie Stromproduktion mit Wasser- und Kernkraft. «Wir können das vertreten, auch klimapolitisch», sagt Energieministerin Simonetta Sommaruga (Tages Anzeiger 18.2.2022). Das sehe ich auch so: Einerseits sind dies Notfall-Kraftwerke, anderseits könnte dieses CO2 locker beim Verkehr und beim Heizen kompensiert werden. Und solche Gasmengen könnten auch gespeichert sein, unabhängig von Lieferengpässen oder Lieferboykotten.
Führen wir uns vor Augen: der Strombereich macht rund 25% des Gesamtenergieverbrauchs aus. Die anderen 75% sind die grossen CO2-Emittenten – nämlich die fossilen Treib- und Brennstoffe. Wenn ich daran denke, was wir künftig alles elektrisch betreiben wollen, von Wärmepumpen bis zur Elektromobilität, bin ich nicht überzeugt, dass wir das zeitgerecht CO2-arm hinbekommen. Richtigerweise sollen Wasserkraft, Photovoltaik, Windenergie und andere CO2-arme Stromproduktion stärker genutzt werden. Aber dazu braucht es Stromspeicher und Stromleitungen für die teils volatile und dezentrale Stromproduktion – erst recht in einem europäischen Verbund. Weniger die Technik als all die Einsprachen gegen Wasserkraftwerke, Solaranlagen, Windparks, Stromspeicher und neue Stromleitungen sehe ich als Problem. Das sieht auch der Bundesrat ein und will diese Rekursverfahren effizienter gestalten. Diese Möglichkeiten liegen auf einer kurz- bis mittelfristigen Zeitachse. Es gibt aber auch eine langfristige Option, die wir wieder prüfen sollten. Der überstürzte Entscheid des Bundesrats im Jahr 2011, aus der Kernenergie auszusteigen, ist rational nicht nachvollziehbar. Kernkraftwerke in Deutschland und der Schweiz werden endgültig heruntergefahren und viele jubelten, mir gibt es eher zu denken. Als durchaus kritischer Betrachter der Kernenergie sehe ich eben auch die hohe Energiedichte der Kernspaltung, welche diese CO2-arme Art der Grundlastabdeckung beim Strom sehr effizient macht – auf kleinstem Raum – und die hohe Verfügbarkeit rund ums Jahr.
Das Energiegesetz ist widersprüchlich: Die Nuklearforschung will man nicht verbieten, aber den Bau neuer Kernkraftwerke. Und ich sehe die Forschung an neuen, allenfalls kleineren und vor allem sicheren Reaktoren sowie an der Abfallfrage, zum Beispiel in Belgien, im «Im Land des Atomiums» (NZZ 12.2.2022). Dass seit letztem Jahr die junge Wissenschafterin, Professorin Annalisa Manera, den Lehrstuhl für Nuclear Engineering an der ETH Zürich übernommen hat und über zwei Dutzend Studierende (je 50% Frauen und Männer) einen Masterstudiengang begannen, zeigt das Interesse an der Kernenergie (Tages Anzeiger 12.2.2022). Einen interessanten Ansatz zur Deblockierung der Diskussion liefert Barbara Schaffner, Physikerin und GLP-Nationalrätin, in ihrem Standpunkt: «Kernenergie: Es braucht realistische Erwartungen und klare Kriterien». Einen informativen Artikel findet sich auch in der NZZ vom 11.8.2022: «Die Atomkraft steht vor einem Comeback» (als pdf) |