Peter Anderegg      © Text und Bild  

Februar 2022

Nachdenken über städtischen Verkehrsraum

   

Verkehrsraumaufteilung 2021 in Zürich (Quaibrücke), Wien (Burgring) und und Paris (Rue de Rivoli, Metro Saint-Paul)                  

 

Dass es die autogerechte Stadt nicht gibt, darüber sollte Konsens herrschen. Auch wenn es dabei nicht um die autofreie Stadt geht, sondern um verträglichen Autoverkehr. Fast faktenlos wird allerdings als Alternative in der Stadt das Fahrrad angepriesen. Bald niemand mehr spricht vom Fussgang und vom öffentlichen Verkehr. Dabei sind diese beiden diejenigen, die den städtischen Personentransport dominieren. Im Modalsplit der Stadt Zürich belegen Fussgänger und öV rund 70%. Und das sehr effizient: Tram und Bus tragen mit einer hohen Transportkapazität und flächeneffizient dazu bei, die Fussgänger sind bescheiden in ihrem Platzbedarf. In der teils ideologischen geprägten Verkehrs-Diskussion geht die Flächeneffizienz und die Transportkapazität sowie die ganzjährige, wetterunabhängige Leistung dieser zwei Transportmittel unter – ja, auch die Füsse sind ein Transportmittel.

Sind wir eben im Begriff, weitere Fehlinvestitionen in Verkehrs-Infrastrukturen zu tätigen – nach Fehlinvestitionen in Strassen-Infrastrukturen, teils in öV-Infrastrukturen nun in Velo-Infrastrukturen? Sollten wir stattdessen nicht darüber nachdenken, den städtischen Verkehrsraum neu aufzuteilen, weil dieser Raum beschränkt ist? Und zwar nach dem Grundsatz der Flächeneffizienz. Und da kommen rollende Velos nicht eben gut weg, sondern reihen sich gleich hinter dem Auto ein. Auch wenn diese Zweiräder leiser und umweltfreundlicher unterwegs sind, ist ihr Verkehrsleistung mager. Unbestritten soll das Velo seinen Platz haben – auch in der Stadt – und sicher unterwegs sein. Velos tragen jedoch wenig bei zur Lösung der Verkehrsprobleme. Gerade Städte, die für ihren hohen Veloanteil gelobt werden, weisen auch einen hohen Autoanteil aus und einen weniger attraktiven öV. Ich bin mir bewusst, dass der Modalsplit (wie im übrigen alle Statistiken) mit Vorsicht betrachtet werden muss; aber er liefert Hinweise auf die Transportmittelwahl in Städten. Wir sollten auch zur Kenntnis nehmen, dass Velos sehr volatil unterwegs sind und vor allem im Freizeitverkehr einen Boom erleben. Wieviele Velofahrende sehe ich bei Regen, Kälte und Schnee – in der Werbung scheint immer eine warme Sonne? Vermehren wir nicht einfach das Verkehrsangebot und holen Fussgänger aufs Velo ohne den Autoverkehr zu reduzieren. Wir sollten daher in Statistiken Fussgänger und Velos konsequent getrennt aufführen: Sie haben praktisch keine Gemeinsamkeiten.

Bevor wir neue Velo-Infrastrukturen planen, sollten wir über eine Neuaufteilung des Verkehrsraums nachdenken und über zielführende Transportmittel. Darüber hinaus sollten wir den Fussgang pflegen, die würdevollste Fortbewegung überhaupt. Und schöne, attraktive Fusswege gestalten. Lernen wir die Menschen wieder, ihre Füsse zu benutzen – weder auf dem Velo- noch auf dem Gaspedal – sondern auf dem Boden!

Redaktionell bearbeitet im Hochparterre 20.2.2022: «Velo hier, Velo da, Velo dort – eine falsche Politik»

 

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